22/07/2018
 
 
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Aphrodismen

 

Schiller

 

 

Gedanken ueber die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst.

 

Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. Alle Erfindungen fremder Voelker kamen gleichsam nur als der erste Same nach Griechenland, und nahmen eine andere Natur und Gestalt an in dem Lande, welches Minerva, sagt man, vor allen Laendern, wegen der gemaessigten Jahreszeiten, die sie hier angetroffen, den Griechen zur Wohnung angewiesen, als ein Land welches kluge Koepfe hervorbringen wuerde.

Der Geschmack, den diese Nation ihren Werken gegeben hat, ist ihr eigen geblieben; er hat sich selten weit von Griechenland entfernet, ohne etwas zu verlieren, und unter entlegenen Himmelstrichen ist er spaet bekannt geworden. Er war ohne Zweifel ganz und gar fremde unter einem nordischen Himmel, zu der Zeit, da die beiden Kuenste, deren grosse Lehrer die Griechen sind, wenig Verehrer fanden; zu der Zeit, da die verehrungswuerdigsten Stuecke des Correggio im koeniglichen Stalle zu Stockholm vor die Fenster, zu Bedeckung derselben, gehaenget waren.

Und man muss gestehen, dass die Regierung des grossen Augusts der eigentliche glueckliche Zeitpunkt ist, in welchem die Kuenste, als eine fremde Kolonie, in Sachsen eingefuehret worden. Unter seinem Nachfolger, dem deutschen Titus, sind dieselben diesem Lande eigen worden, und durch sie wird der gute Geschmack allgemeine.

Es ist ein ewiges Denkmal der Groesse dieses Monarchen, dass zu Bildung des guten Geschmacks die groessten Schaetze aus Italien, und was sonst Vollkommenes in der Malerei in andern Laendern hervorgebracht worden vor den Augen aller Welt aufgestellet sind. Sein Eifer, die Kuenste zu verewigen, hat endlich nicht geruhet, bis wahrhafte untruegliche Werke griechischer Meister, und zwar vom ersten Range, den Kuenstlern zur Nachahmung sind gegeben worden.

Die reinsten Quellen der Kunst sind geoeffnet: gluecklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heisst nach Athen reisen; und Dresden wird nunmehro Athen fuer Kuenstler.

Der einzige Weg fuer uns, gross, ja, wenn es moeglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten, und was jemand vom Homer gesagt, dass derjenige ihn bewundern lernet, der ihn wohl verstehen gelernet, gilt auch von den Kunstwerken der Alten, sonderlich der Griechen. Man muss mit ihnen, wie mit seinem Freunde, bekannt geworden sein, um den Laokoon ebenso unnachahmlich als den Homer zu finden. In solcher genauen Bekanntschaft wird man wie Nikomachos von der Helena des Zeuxis urteilen: >Nimm meine Augen<, sagte er zu einen Unwissenden, der das Bild tadeln wollte, >so wird sie dir eine Goettin scheinen.<

Mit diesem Auge haben Michelangelo, Raffael und Poussin die Werke der Alten angesehen. Sie haben den guten Geschmack aus seiner Quelle geschoepfet, und Raffael in dem Lande selbst, wo er sich gebildet. Man weiss, dass er junge Leute nach Griechenland geschicket, die Ueberbleibsel des Altertums fuer ihn zu zeichnen.

Eine Bildsauule von einer alten roemischen Hand wird sich gegen ein griechisches Urbild allemal verhalten, wie Vergils Dido in ihrem Gefolge mit der Diana unter ihren Oreaden verglichen, sich gegen Homers Nausikaa verhaelt, welche jener nachzuahmen gesuchet hat.

Laokoon war den Kuenstlern im alten Rom ebendas, was er uns ist; des Polyklets Regel; eine vollkommene Regel der Kunst.

Ich habe nicht noetig anzufuehren, dass sich in den beruehmtesten Werken der griechischen Kuenstler gewisse Nachlaessigkeiten finden: der Delphin, welcher der Mediceischen Venus zugegeben ist, nebst den spielenden Kindern; die Arbeit des Dioskurides au?er der Hauptfigur in seinem geschnittenen Diomedes mit dem Palladio, sind Beispiele davon. Man wei?, da? die Arbeit der Rueckseite auf den schoensten Muenzen der aegyptischen und syrischen Koenige den Koepfen dieser Koenige selten beikommt. Grosse Kuenstler sind auch in ihren Nachlaessigkeiten weise, sie koennen nicht fehlen, ohne zugleich zu unterrichten. Man betrachte ihre Werke, wie Lukian den Jupiter des Phidias will betrachtet haben; den Jupiter selbst, nicht den Schemel seiner Fuesse.

Die Kenner und Nachahmer der griechischen Werke finden in ihren Meisterstuecken nicht allein die schoenste Natur, sondern noch mehr als Natur, das ist, gewisse idealische Schoenheiten derselben, die, wie uns ein alter Ausleger des Plato lehret, von Bildern bloss im Verstande entworfen, gemacht sind.

Der schoenste Koerper unter uns waere vielleicht dem schoensten griechischen Koerper nicht aehnlicher, als Iphikles dem Herkules, seinem Bruder, war. Der Einfluss eines sanften und reinen Himmels wuerkte bei der ersten Bildung der Griechen, die fruehzeitigen Leibesuebungen aber gaben dieser Bildung die edle Form. Man nehme einen jungen Spartaner, den ein Held mit einer Heldin gezeuget, der in der Kindheit niemals in Windeln eingeschraenkt gewesen, der von dem siebenden Jahre an auf der Erde geschlafen, und im Ringen und Schwimmen von Kindesbeinen an war geuebet worden. Man stelle ihn neben einen jungen Sybariten unserer Zeit, und alsdenn urteile man, welchen von beiden der Kuenstler zu einem Urbilde eines jungen Theseus, eines Achilles, ja selbst eines Bacchus, nehmen wuerde. Nach diesem gebildet, wuerde es ein Theseus bei Rosen, und nach jenem gebildet, ein Theseus bei Fleisch erzogen, werden, wie ein griechischer Maler von zwo verschiedenen Vorstellungen dieses Helden urteilete.

Zu den Leibesuebungen waren die grossen Spiele allen jungen Griechen ein kraeftiger Sporn, und die Gesetze verlangeten eine zehenmonatliche Vorbereitung zu den Olympischen Spielen, und dieses in Elis, an dem Orte selbst, wo sie gehalten wurden. Die groessten Preise erhielten nicht allezeit Maenner, sondern mehrenteils junge Leute, wie Pindars Oden zeigen. Dem goettlichen Diagoras gleich zu werden, war der hoechste Wunsch der Jugend.

Sehet den schnellen Indianer an, der einem Hirsche zu Fusse nachsetzet: wie fluechtig werden seine Saefte, wie biegsam und schnell werden seine Nerven und Muskeln, und wie leicht wird der ganze Bau des Koerpers gemacht. So bildet uns Homer seine Helden, und seinen Achilles bezeichnet er vorzueglich durch die Geschwindigkeit seiner Fuesse.

Die Koerper erhielten durch diese Uebungen den grossen und maennlichen Kontur, welchen die griechischen Meister ihren Bildsauulen gegeben, ohne Dunst und ?berfluessigen Ansatz. Die jungen Spartaner mussten sich alle zehen Tage vor den Ephoren nackend zeigen, die denjenigen, welche anfingen fett zu werden, eine strengere Diaet auflegten. Ja es war eins unter den Gesetzen des Pythagoras, sich vor allen ueberfluessigen Ansatz des Koerpers zu hueten. Es geschahe vielleicht aus ebendem Grunde, dass jungen Leuten unter den Griechen der aeltesten Zeiten, die sich zu einem Wettkampf im Ringen angaben, waehrend der Zeit der Voruebungen nur Milchspeise zugelassen war.

Aller Uebelstand des Koerpers wurde behutsam vermieden, und da Alkibiades in seiner Jugend die Floete nicht wollte blasen lernen, weil sie das Gesicht verstellete, so folgeten die jungen Athenienser seinem Beispiele.

Nach dem war der ganze Anzug der Griechen so beschaffen, da? er der bildenden Natur nicht den geringsten Zwang antat. Der Wachstum der schoenen Form litte nichts durch die verschiedenen Arten und Teile unserer heutigen pressenden und klemmenden Kleidung, sonderlich am Halse, an Hueften und Schenkeln. Das schoene Geschlecht selbst unter den Griechen wusste von keinem aengstlichen Zwange in ihrem Putze: Die jungen Spartanerinnen waren so leicht und kurz bekleidet, dass man sie daher Hueftzeigerinnen nannte.

Es ist auch bekannt, wie sorgfaeltig die Griechen waren, schoene Kinder zu zeugen. Quillet in seiner Callipaedie zeiget nicht so viel Wege dazu, als unter ihnen ueblich waren. Sie gingen sogar so weit, dass sie aus blauen Augen schwarze zu machen suchten. Auch zu Befoerderung dieser Absicht errichtete man Wettspiele der Schoenheit. Sie wurden in Elis gehalten: der Preis bestand in Waffen, die in den Tempel der Minerva aufgehaenget wurden. An gruendlichen und gelehrten Richtern konnte es in diesen Spielen nicht fehlen, da die Griechen, wie Aristoteles berichtet, ihre Kinder im Zeichnen unterrichten liessen, vornehmlich weil sie glaubten, dass es geschickter mache, die Schoenheit in den Koerpern zu betrachten und zu beurteilen.

Das schoene Gebluet der Einwohner der mehresten griechischen Inseln, welches gleichwohl mit so verschiedenen fremden Gebluete vermischet ist, und die vorzueglichen Reizungen des schoenen Geschlechts daselbst, sonderlich auf der Insel Skios, geben zugleich eine gegruendete Mutmassung von den Schoenheiten beiderlei Geschlechts unter ihren Vorfahren, die sich ruehmeten, urspruenglich, ja aelter als der Mond zu sein.

Es sind ja noch itzo ganze Voelker, bei welchen die Schoenheit sogar kein Vorzug ist, weil alles schoen ist. Die Reisebeschreiber sagen dieses einhellig von den Georgiern, und ebendieses berichtet man von den Kabardinski, einer Nation in der krimischen Tatarei.

Die Krankheiten, welche so viel Schoenheiten zerstoeren, und die edelsten Bildungen verderben, waren den Griechen noch unbekannt. Es findet sich in den Schriften der griechischen Aerzte keine Spur von Blattern, und in keines Griechen angezeigter Bildung, welche man beim Homer oft nach den geringsten Zuegen entworfen siehet, ist ein so unterschiedenes Kennzeichen, dergleichen Blattergruben sind, angebracht worden.

 
   
 
 
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